Marketing ist Handwerk – Was Bergsport und Marketing gemeinsam verlieren

Wenn alles schneller geht: Was Bergsport und Marketing gemeinsam verlieren

Als der Weg noch Teil des Berges war

In meiner Kindheit, in den 1960er-Jahren, unternahm ich mit meinem Vater viele Bergtouren. Fast jede Tour begann im Tal. Es gab nur wenige Möglichkeiten, mit dem Auto zu einem höher gelegenen Ausgangspunkt zu fahren. Wir starteten früh, denn die Wege waren lang. Und weil sie so lang waren, waren sie auch mühsam. Eine Tour wurde deshalb immer gut vorbereitet. Wenn es hoch hinaus auf einen Gipfel gehen sollte, las mein Vater vorher in einem Buch über die Route nach. Das Wetter wurde beobachtet und mit dem Wetterbericht verglichen. Am Abend vor der Tour packte er die Ausrüstung sorgfältig zusammen. Proviant gehörte selbstverständlich dazu, denn es war keineswegs garantiert, dass man unterwegs etwas zu essen oder zu trinken bekommen würde.

Und dann ging es los. Schritt für Schritt wurde der Berg erwandert und erstiegen. Gerade durch das bedächtige Tempo bekam man viel mit: die Vielfalt von Flora und Fauna, seltene Blumen, merkwürdige Bäume, Pilze, Echsen, manchmal eine Schlange. Man hatte Zeit, einen Adler oder Geier zu beobachten, selbst dort, wo die Vegetation in großen Höhen immer spärlicher wurde. Und es war still in den Bergen. Die natürlichen Geräusche wurden lediglich durch den eigenen Atem, das Knirschen unter den Schuhen und hin und wieder ein paar Worte unterbrochen. Zeit spielte kaum eine Rolle. Bei manchen Gipfeln wusste man von vornherein, dass man auf einer Hütte übernachten würde, da sich der Aufstieg und die Rückkehr nicht an einem Tag ausgehen würden.

Die Hütten waren klein und einfach. Die Speisekarte enthielt nur wenige Gerichte. Es gab schlichte Waschmöglichkeiten und einfache Lager. Wenn mein Vater nach einem langen Tag am Berg über 2.800 Metern sein Bier genießen konnte, war er zufrieden. Mehr brauchte es nicht. Und wenn man am nächsten Tag auf dem Gipfel stand, war das ein echtes Hochgefühl. Man wusste, was man erreicht hatte, wie man manchmal über sich hinauswachsen musste und welchen Weg man tatsächlich zurückgelegt hatte. Nach der Rückkehr ins Tal wusste man: Eine gelungene und sichere Bergtour ist nicht selbstverständlich.

Der Berg wurde zum Erlebnispark

Und heute? Reinhold Messner warnte einmal sinngemäß davor, dass die Alpen zu einer Art künstlichem Disneyland für Massentourismus und möglichst risikolosen Freizeitkonsum werden. Das hören viele nicht gern. Aber ich kann diesem Gedanken einiges abgewinnen.

Dank Seilbahnen, Autos, Motocross-Maschinen – Kraxler – oder E-Bikes wird heute oft bis zum letztmöglichen Punkt gefahren. Von dort aus geht es dann das letzte Stück zu Fuß auf den Gipfel. Für einen Dreitausender, für den man früher ein oder zwei Tage brauchte, reichen heute mitunter wenige Stunden. Auch die Vorbereitung hat sich verändert: Anstelle von Karten oder Büchern genügen heute Apps für Wetter, Weg und Tourenplanung. Entsprechend knapp fällt manchmal die Ausrüstung aus, inklusive Proviant und Erste-Hilfe-Set. Sollte etwas passieren, gibt es schließlich die Rettung. Außerdem findet sich oft irgendwo in der Nähe eine Hütte mit Komfort, Menükarte, Warmwasserdusche und Einzelzimmer. Manchmal sogar mit Fitnessraum. Da frage ich mich, wozu? Ist der Berg nicht genug Fitness?

Am Berg geht es heute zunehmend um Tempo und Leistung: Apps zeichnen Vitalwerte auf, Höhenmeter und Zeiten werden verglichen. Auf Social Media wird dokumentiert, was man geschafft hat. Mit dem Kraxler geht es bis auf einen 3.000 Meter hohen Gipfel, mit dem E-Bike fährt man steile, einstige Wanderpfade hinauf oder am besten gleich über die Almen. Mit leichtem Schuhwerk bewegt man sich freischwingend am Klettersteig. Und weil der Aufstieg leicht war, reicht die Luft für ausgiebige Gespräche. Tatsächlich kann heute fast jeder am Berg sein, unabhängig von Kondition, Erfahrung, Vorbereitung oder Verständnis für Natur und Berg. 

Durch die Technik ist vieles zugänglicher geworden. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist für mich: Die Stille verschwindet. Müll bleibt liegen, Radspuren schneiden sich in Wege, Grasmatten und der Bezug zur Natur gehen immer mehr verloren. Der Berg wird zur Kulisse, vor der man sich in Szene setzen, Leistung zeigen und sich selbst beweisen kann. Der Respekt vor der Natur und ihrer Kraft droht dabei zur Nebensache zu werden.

Was hat das mit Marketing zu tun?

Mehr, als es auf den ersten Blick scheint! – Früher lernte man Marketing in vielen Agenturen noch als echtes Handwerk. Vorausgesetzt, die jeweilige Agentur ermöglichte es, durchlief man unterschiedliche Stationen: Grafik, Satz, Druckerei, Film und vieles mehr. Ein Großteil der Arbeit wurde von Hand erledigt, bevor Programme immer mehr Arbeitsschritte übernahmen. Das war langsam. Das war mühsam. Selbstverständlich war früher nicht alles besser. Aber wer einen Prozess von Grund auf kennenlernte, verstand auch, warum etwas auf eine bestimmte Weise gemacht wurde. Man entwickelte ein Gespür für Material, Gestaltung, Produktion, Wirkung und Zusammenhänge. Fehler kosteten Zeit und manchmal viel Geld, weshalb man vorher nachdenken musste.

Dann kamen immer leistungsfähigere Programme. Dadurch wurde die Arbeit schneller, effizienter und vielfältiger. Vieles, was früher Spezialwissen erforderte, wurde leichter zugänglich. Mit Künstlicher Intelligenz hat sich dieses Tempo nochmals massiv erhöht. Selbst wer kein Grafiker ist, kann heute mit etwas Geschick beim Prompten erstaunliche Bilder erzeugen. In einer Geschwindigkeit, die vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre, lassen sich Texte, Präsentationen, Businesspläne oder Strategiepapiere quasi für jedermann entwickeln. Die Technik hat Grenzen verschoben. No Limits im Marketing – fast wie am Berg.

Wenn die Abkürzung zum Normalweg wird

Heute können wir mit Technik Dinge tun, für die man früher Zeit, Ausbildung, Wissen, Erfahrung und Ausdauer benötigte. Das ist faszinierend und eröffnet enorme Möglichkeiten. Ich nutze diese selbst. Gerade deshalb beschäftigt mich allerdings die Frage, welchen Preis wir dafür zahlen. Denn auf dem langsamen Weg ist etwas entstanden, das sich nicht einfach herunterladen oder prompten lässt: Verständnis. Bezug. Erfahrung. Man musste Dinge hinterfragen, sie selbst erarbeiten. Und wenn man etwas nicht konnte, zog man einen Fachmann hinzu.

Heute entsteht leicht der Eindruck, dass jeder alles könne. Ein paar Klicks, eine App, ein Prompt – fertig. Doch macht die Möglichkeit, etwas technisch herstellen zu können, bereits aus jedem einen Fachmann? Macht ein E-Bike aus jedem einen erfahrenen Bergsteiger? Macht KI aus jedem einen Strategen, Texter, Grafiker oder Marketingexperten?

Vielleicht müssen wir wieder öfter stehen bleiben

Vielleicht sollten wir deshalb hin und wieder genau das tun, was am Berg früher selbstverständlich war: stehen bleiben. Uns hinsetzen. Uns Zeit nehmen. Zurückblicken, welchen Weg wir bereits gegangen sind, und aus einer anderen Perspektive betrachten, wohin wir eigentlich wollen. Und vermutlich geht es beim Fortschritt nicht um die Frage, wie schnell wir einen Gipfel erreichen oder ein Ergebnis produzieren können. Fortschritt zeigt sich womöglich auch darin, zu wissen, wann eine Abkürzung sinnvoll ist und wann der längere Weg notwendig bleibt – weil nur auf ihm Verständnis, Erfahrung und Respekt entstehen können.

Genau das ist möglicherweise die entscheidende Frage: Wenn uns die Technik heute fast jeden Gipfel erreichbar und fast jede Aufgabe machbar erscheinen lässt, wissen wir dann überhaupt noch, wann wir wirklich angekommen sind und was wir auf dem Weg dorthin gelernt haben?

Bildrechte:

Jan Schäfer

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